ein leben zwischen hysterie und glückseligkeit

Samstag, November 10, 2007

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert

Neulich bin ich ihr begegnet – der Super-Mutter. Ehrlich gesagt hatte ich sie mir anders vorgestellt: irgendwie makellos mütterlich, in Schafwolle und Karottenjeans gekleidet, das Holzspielzeug für den Nachwuchs in der selbst gefilzten Handtasche. Mein Modell Super-Mutter war ganz anders.

Wir fuhren eineinhalb Stunden lang in dem selben Kleinkindabteil des selben ICEs von Berlin nach Hamburg. Sie war groß und kräftig, hatte kurze Haare und war ausgesprochen rustikal gekleidet. Ich glaube, sie hatte einen dieser derben Fischerpullover an, mit Reißverschluss am Hals. Vielleicht trug sie auch einen dicken Ledergürtel mit blutigem Jagdmesser im Futter und tannengrüne Gummistiefel, wer weiß. Ungefähr so hatte ich sie abgespeichert.

Ihr Kind war unauffällig, ein ruhiges Mädchen, älter als meine Tochter. Meine Tochter bohrte derweil ihren Kopf in meinen Schoß. Die Ankunft zweier Fremder, dazu noch einer potenziellen Spielkameradin, war zu viel für sie – sie hatte eine schwere Schüchternheitsattacke. Das ältere Mädchen begrüßte mich freundlich und nannte mir selbst ihren Namen – Ella, wie konnte es auch anders sein. Ich stellte kurz meine Tochter vor, von der nur der Hintern zu sehen war. Kein Wunder, dass sich das ältere Mädchen bald zu langweilen begann. Während sie mit diesen dicken Buntstiften malte, die es nur im Bioladen gibt, kamen ihre Mutter und ich ins Gespräch.

Wir stellten fest, dass wir erstaunlicherweise aus dem selben kleinen Ort in Schleswig-Holstein stammten und heute nur wenige Straßen voneinander entfernt in Kreuzberg lebten. Sonst hatten wir allerdings relativ wenig gemeinsam, wie sich herausstellen sollte. In meiner unverbesserlich exhibitionistischen Art erzählte ich umgehend von meiner nervenzerfetzenden Trennung und fragte nach ihrer familiären Lage. Das tut man doch schließlich so unter Frauen, nicht wahr? Gleich die Leichen aus dem Keller zerren!? Sie erzählte, dass sie in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit ihrer Freundin lebe. Ich wurde rot. „Das ist cool,“ stammelte ich, „ich kenne noch ein anderes Pärchen, das ..., das ein Kind hat...“ Aha.

Sie skizzierte kurz ihr ambitioniertes Familienkonzept – Ella stammte aus den Spermien ihres besten schwulen Freundes, der mit seinem Lebenspartner ebenfalls einen Kinderwunsch hegte. Ella war in der Woche bei den Mamas und am Wochenende bei den Papas. Genauso wie Ellas kleiner Bruder Luis, wie sollte es anders sein. Luis war von der anderen Frau ausgetragen worden. Es sei sehr verbindend, erklärte mir die Super-Mutter, wenn beide Partnerinnen die Schwangerschaft, die Geburt und die Stillzeit am eigenen Leib erfahren hätten. Ich räusperte mich. Na klar, sowieso. Und ich Depp hatte es mit einem Mann probiert, obwohl doch jeder weiß, dass die keine Kinder austragen können.

Meine Tochter hatte sich derweil darauf verlagert, laut klagend Hasi und Muller einzufordern. Sie zog sich mit Kuscheltier und Schnuller unter meinen Sitz auf den Teppichboden zurück. Sie sei manchmal etwas schüchtern, versuchte ich zu erklären, die Trennung... Mehr musste ich nicht sagen, die Super-Mama nickte verständnisvoll. Männer eben. Kann ja nicht klappen.

Sie holte eine Tupperdose mit bräunlichen Apfelstücken heraus. Ella griff erfreut zu. Ich solle mich nicht von der bräunlichen Farbe irritieren lassen, erklärte die Super-Mama, es handele sich um Bioäpfel, die sie vor kurzem frisch aufgeschnitten habe. Meine Tochter lehnte ab, ich nahm zwei. Und spürte, wie ich in die Defensive geriet. Zeit für einen aggressiven Themenwechsel.

Ich sei froh, endlich wieder richtig zu arbeiten, erzählte ich ungefragt. Die Zeit mit dem Kind zu Haus wäre zwar schön gewesen, aber ich würde die neuen Herausforderungen sehr genießen. Die Super-Mama stimmte mir zu. Sie arbeite als Projektleiterin an der Uni und promoviere nebenbei über islamische Kunst. Es sei anspruchsvolle internationale Arbeit mit Zukunftsperspektive, gut bezahlt dazu. Was ich denn so mache?

Ich wickelte. Meine Tochter hatte ihr Versteck für eine Windelfüllung genutzt. Es war wohl Masochismus, der mich fragen ließ, ob Ella auch noch Windeln tragen würde. Natürlich nicht. Schon lange nicht mehr. Und sie war natürlich genau so alt wie meine Tochter, nicht älter. Sie wirke nur älter, sagte die Super-Mutter, weil sie ungewöhnlich reif sei. Meine Tochter verpasste mir einen Kinnhaken mit dem Fuß. Es war das erste Mal, dass sie lachte, seitdem wir nicht mehr allein im Abteil waren.

Der Urlaub in Ägypten habe Ella gut getan, erzählte die Super-Mutter. Sie habe dort eine kunsthistorische Ausgrabung geleitet und Frau und Kinder einfach mitgenommen. Sowohl die dreijährige Ella als auch der viermonatige Luis hätten die Reise sehr genossen. Ella habe sich intensiv mit der Verschleierung der Frauen auseinander gesetzt. Und die Mamas wären absolut entspannt gewesen. Ich dachte daran, wie ich auf einer dänischen Insel sechs mal an einem Abend Fieber bei meiner Tochter gemessen hatte, niemals mehr als 37,6 Grad. Das nächste Krankenhaus war eine Stunde entfernt und ich reif für die Klapsmühle.

Wo wir denn jetzt hinwollen, fragte die Super-Mutter. Sie wolle eine Hamburger Kunstinstallation zum Thema Islamwahrnehmung im öffentlichen Raum besichtigen. Was auch sonst. Wir fahren zu den Großeltern, sagte ich, alles andere ist mir mit Kind zu anstrengend. Ihr Blick sprach Bände. Ich gab auf. Kapitulation an allen Fronten.

„Sollen wir Euch mal ein Kunststück vorführen?“ purzelte es plötzlich aus meinem Mund. „Meine Tochter ist nämlich hochbegabt. Sie kann auf Befehl pupsen!“ Super-Mutter und Super-Tochter starrten uns an als wären wir zwei neonpinke Kaninchen. Wer weiß, vielleicht waren wir das ja auch. „Wir üben täglich“, sagte ich voller Genuss, „nur bei Durchfall nicht. Ihr könnt Euch sicher denken warum.“ Und mit diesen großen Worten verließen meine Tochter und ich hocherhobenen Hauptes das Abteil.

Freitag, November 09, 2007

miss smilla